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Historisch und allgemeingültig - Kálmáns CSÁRDÁSFÜRSTIN im Viererpack

Das gab's unseres Wissens noch nie: Vier Premieren eines Werkes an zwei Tagen. Voilà: Ein Wochenende voller CSÁRDÁSFÜRSTINnen!

Es gibt Werke, die liegen in bestimmten Zeiten "in der Luft". HAIRSPRAY beispielsweise wird, nimmt man Profis und Amateure zusammen, derzeit auffallend häufig nachgefragt (ob's mit den aktuellen Zuständen jenseits des Atlantiks zu tun hat?). So unterschiedliche Musicals wie SUNSET BOULEVARD und NEXT TO NORMAL haben schon seit Jahren Konjunktur bei den Profis, während Amateurensembles sich dieser Tage gerne mit dem HIGH SCHOOL MUSICAL beschäftigen, dessen Fortsetzung es schon bald in Deutsch geben wird.

Überaus erstaunlich ist in dieser Hinsicht das kommende Wochenende: Am Freitag und Samstag hat Emmerich Kálmáns Operette DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN satte vier Mal Premiere - in Rostock, Trier, Würzburg und Münster. Gegen Ende der laufenden Spielzeit wird das Werk darüber hinaus in Dresden und Cottbus neu inszeniert, während es in Leipzig, Detmold, Magdeburg sowie Neubrandenburg/Neustrelitz im Repertoire gespielt wird.

Wie das kommt? "Vielleicht, weil es ein Stück ist, das Mut macht in Krisenzeiten", meint der Dramaturg Jens Ponath, der die Neuinszenierung in Rostock betreut. Die düster angehauchte Grundierung - Kálmán vertonte die bittersüße Geschichte vor dem und im ersten Weltkrieg, die Uraufführung war im November 1915 in Wien - ist für manche Regisseure bedeutsam, für andere nicht. Münsters Regisseurin Mareike Zimmermann sagt, es sei "frappierend, wie sich die handelnden Personen an privaten Befindlichkeiten abarbeiten und aufreiben, während um sie herum die Welt in den Krieg zieht und die jahrhundertealte Gesellschaftsordnung über den Haufen geworfen wird". Wahrscheinlich hätten zahlreiche Besucher der Uraufführung "Söhne, Väter, Brüder als Soldaten an der Front" gehabt, die "revolutionären Strömungen des gesellschaftlichen Umbruchs" im Lande zumindest vorausgeahnt - und sich doch gerne "durch eine Liebes-Verwicklungs-Adels-Geschichte rühren und unterhalten lassen". Auch in Trier würden, so der Dramaturg Jens Fröhlich, "auch die ernsten Seiten, vor allem die noch bestehenden Standeszwänge sowie der 1. Weltkrieg" durch die Inszenierung von Thilo Reinhardt mit beleuchtet.

Stephan Brauer, der Regisseur der Rostocker Premiere und, wie er sagt, ein "Fan" gerade dieser Operette, kann der historischen Fixierung der Operette in ihrer Entstehungszeit nicht viel abgewinnen: "Entgegen einer aktuellen Tendenz von Inszenierungen, die stark darauf abheben, bringe ich die Thematik des Krieges da überhaupt nicht herein." Operette sei, so Brauer, für ihn "kein Medium, um auf das Elend dieser Welt aufmerksam zu machen". Demgegenüber hört der Dirigent Volker Plangg dem Werk zeitbezogene Untertöne an. Kálmán habe "geradezu seismographisch die Stimmung in der k.u.k.-Monarchie am Vorabend ihres politischen Untergangs im ersten Weltkrieg eingefangen", meint Plangg, um gleich hinzuzufügen: "Aufgrund der menschlichen Allgemeingültigkeit des Stückes verliert es zugleich nie seine Aktualität. Jede Generation kann es neu für sich entdecken".

Die Zitate entstammen den Interviews, die die Dramaturgen Jens Ponath (Rostock) und Ronny Scholz (Münster) für das jeweilige Programmheft geführt haben. Musik und Bühne dankt herzlich für das Einverständnis für die Veröffentlichung.

Mehr Kálmán gefällig? Auf der Hitliste folgen GRÄFIN MARIZA (z.B. Erfurt) und - in den letzten Jahren neu entdeckt - DIE ZIRKUSPRINZESSIN (z.B. Düsseldorf und ganz neu in Osnabrück). Darüber hinaus gibt es noch einiges auszugraben, das Sie in unserer Stücksuche mit dem Suchbegriff "Kálmán" finden können. 

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