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"Was Pikantes, doch nicht zu Riskantes"

Alles ist schon dagewesen? Abrahams MÄRCHEN IM GRAND-HOTEL aber nicht.

Schon in den ersten Gesangszeilen des Originaltextbuches von 1934 zeigt sich die Meisterschaft der erfahrenen Librettisten Grünwald und Löhner-Beda, die für so unterschiedliche Komponisten wie Franz Lehár, Emmerich Kálmán und Paul Abraham ebenso pfiffige wie ausgeklügelte Textbücher zu schreiben vermochten. "Alles ist schon dagewesen, alles hat man schon gedreht", heißt es anfangs im MÄRCHEN IM GRAND-HOTEL, und weiter: "Was ist heut noch Novität? Ich brauch was Pikantes und doch nicht zu Riskantes" - wer dabei an die Verantwortlichen für die Theaterspielpläne hier und heute denkt, ist gewiss kein Schelm.

Der Operettenfachmann Daniel Hirschel hat diese Sätze noch weiter gedeutet: Die "selbstironische Nummer" nehme nicht nur "das dauernde Autorenproblem des guten Einfalls aufs Korn", sondern könne auch "als zynischer Seitenhieb auf die ersten Operettenkreationen unterm Hakenkreuz gelesen werden, die die Qualität und Originalität der Operetten jüdischer Autoren nicht im Entferntesten erreichten". Die zuvor auch in Deutschland erfolgreichen Abraham-Operetten VIKTORIA UND IHR HUSAR, DIE BLUME VON HAWAII und BALL IM SAVOY waren zu dieser Zeit längst abgesetzt - und später schlecht kopiert - worden.

Auch dem MÄRCHEN IM GRAND-HOTEL von Abraham, Grünwald und Löhner-Beda, 1934 im Theater an der Wien uraufgeführt und lange vergessen, wird nun die angemessene Aufmerksamkeit zuteil - in einer Zeit, in der Abraham mit den genannten Werken sowie der Fußball-Operette ROXY UND IHR WUNDERTEAM in kundig ausgeführten musikalischen Rekonstruktionen wieder regelmäßig auf den Spielplänen erscheint. Nach einer speziell eingerichteten Fassung als Silvesteroperette der Komischen Oper Berlin bringt das Staatstheater Mainz am 25. November 2018 die erste vollszenische Produktion dieser Operette in Deutschland heraus.

Damit rundet sich das Bild eines Komponisten weiter, der nicht nur der "letzte Erneuerer der Operette" (Hirschel) war, sondern auch alle Höhen und Tiefen eines Lebens in wechselvollen Zeiten durchmaß. Gegensätzliche Bilder bleiben haften - Abraham zwischen seinen Operetten- und Filmstars auf einer der legendären Gulaschpartys in Berlin, Abraham als gebrochener Mann, gestützt von zwei Begleitern, wie er schließlich 1956 nach Deutschland zurückkehrt, nach Hamburg, wo er nur wenige Jahre später stirbt.


In der Oper Dortmund bettete man DIE BLUME VON HAWAII in Abrahams Lebensgeschichte ein, die Bühnen Halle feierten den BALL IM SAVOY mit den Geschwistern Pfister und am Theater Augsburg schloss der Regisseur Martin G. Berger die Story um ROXY UND IHR WUNDERTEAM mit heutigen Fußballverhältnissen kurz. Vieles ist möglich bei Paul Abrahams Operetten - und (mindestens) eine weitere zu entdecken, gilt es. Bald mehr dazu!

In der kommenden Spielzeit 2018/19 freuen wir uns auf die schon erwähnten MÄRCHEN IM GRAND-HOTEL in Mainz, den BALL IM SAVOY in Lübeck und Nürnberg, VIKTORIA UND IHR HUSAR in Hof und Berlin, wo die Komische Oper darüber hinaus auch ROXY UND IHR WUNDERTEAM neu herausbringt.

"Das ist doch alles abgetan, das schaut sich keine Katze an", meint Mister Makintosh in den MÄRCHEN IM GRAND-HOTEL, als ihm Stoffe von Casanova bis Pompadour vorgeschlagen werden. Damit hat sich Paul Abraham nicht aufgehalten. Vielleicht treffen für ihn, posthum, doch eher die folgenden Sätze zu: "Das Wichtigste, wonach man brennt: Das Happy End! Das Happy End!"


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