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Ein Krieg kann so bezaubernd sein

Das Gerede vom "Handelskrieg" ist nicht neu. Einen KÄSEKRIEG dachten sich George und Ira Gershwin schon vor gut neunzig Jahren aus.

Heutzutage, wo Verantwortliche und Presse das Wort "Handelskrieg" benutzen, als sei dessen Bedeutung ganz normal, staunen wir über George und Ira Gershwin sowie den Marx-Brothers-Autor George S. Kaufman, die 1927 in STRIKE UP THE BAND (dt. DER KÄSEKRIEG), einem der ersten "Book Musicals" überhaupt, schon auf politische Satire setzten. Sie portraitieren einen amerikanischen Käsefabrikanten, der im Einvernehmen mit dem US-Kongress (und einem Präsidenten, der von gar nichts eine Ahnung hat) zunächst einen "Handelskrieg" auslöst, der sich dann im Einmarsch der US-Armee in der Schweiz fortsetzt.

Deren Soldaten sind so klug, sich in die Berge zurückzuziehen und die Besatzer ins Leere laufen zu lassen. Das Ergebnis nach vielem Hin und Her samt Agenten- und Liebesgeschichte: Der "Eigentümer des Krieges" (alias Fletcher, Käsefabrikant) steht vor dem Bankrott, Arbeiter werden entlassen, blecherne Kreuze verliehen - und ein "Kaviarkrieg" gegen Russland in Aussicht genommen.

Wann, wenn nicht jetzt wäre es an der Zeit, dieses Musical erneut auf die Bühne zu bringen? Anlässlich der deutschsprachigen Premiere 2007 im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen hieß es in einer Rezension, STRIKE UP THE BAND (DER KÄSEKRIEG) sei "ein Feuerwerk an bitterböser Gesellschaftssatire, die in perfekte Musical-Unterhaltung mit herrlichen, detailreichen Regieeinfällen eingebettet ist. (Man) erlebt traumhafte, romantische Balladen und trommelt den Takt der flotten Marschmusik mit dem Finger mit." 

Um Präsidenten mit niedrigem IQ und einfache Lösungen für politische Probleme (und um einen Präsidentschaftskandidaten, der extra eine Schönheitskönigin heiratet) geht es u.a. in den beiden weiteren Gershwin-Satiren, OF THEE I SING (dt. WINTERGREEN FOR PRESIDENT) und LET 'EM EAT CAKE (KUCHEN FÜRS VOLK). Dass Gershwin fabelhafte Musik bietet, in STRIKE UP THE BAND (DER KÄSEKRIEG) teils mit augenzwinkernden Anklängen an die Werke von Gilbert & Sullivan, muss man kaum eigens erwähnen. Hier  erscheinen u.a. der Song "The Man I Love" und optional auch "I've Got a Crush on You". Die Titelnummer ist darüber hinaus aus zahlreichen Arrangements für Jazzorchester bekannt.

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Statt täglich zu marschieren, nehmen wir den Autobus,
bei Hitze gibt's Vanilleeis, auf Wunsch auch Haselnuss!
Und einen schönen Nachruf gibt es, fällt dann doch ein Schuss.
Ein Krieg kann so bezaubernd sein! 
Aus STRIKE UP THE BAND, dt. von Roman Hinze

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STRIKE UP THE BAND (wäre) das ideale Stück für die Ära Trump. Die Fabel zeigt meisterhaft, wie sich Einzelinteressen, Großmannssucht, Unwissen und Unverschämtheit zu einem aggressiven Protektionismus verbinden können. Dieser Protektionismus ist heute sehr modern geworden und gefährdet akut das globale Handelssystem.
Süddeutsche Zeitung, 15. Juli 2018
  

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