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Musik als Ausdruck von Humanität

Leonard Bernstein wäre am 25. August einhundert Jahre alt geworden.

Es wird viel geschrieben und geredet in diesen Tagen über den großen Leonard Bernstein – und hier und da auch ein wenig bedauert, dass „sich nur ein einziges Meisterwerk Bernsteins dauerhaft hat durchsetzen können“ (so Eleonore Büning in der NZZ). „Wer heute den Namen Bernstein sagt, denkt: WEST SIDE STORY“, so Büning weiter, dabei betonend: „Nicht in Tanglewood, Boston oder New York. Aber fast überall sonst auf der Welt“.

Ob das Bewusstsein für die WEST SIDE STORY als Ikone der amerikanischen Kulturgeschichte nicht in besagten Städten ebenso ausgeprägt ist wie unter uns Europäern (von denen manche durchaus auch CANDIDE oder Bernsteins Orchester- und Vokalwerke kennen), darüber mag man wohl streiten können. Dass Bernstein viel mehr war als der Komponist dieses unvergleichlichen und zum Glück unsterblichen Musicals, hat sich dann doch weithin eingeprägt – und vielfältig eingeprägt, kann man wohl sagen: Wo der eine sich an den heiter dozierenden Bernstein in seinen auch im deutschen Fernsehen gezeigten „Young People’s Concerts“ erinnert, heben andere Bernsteins Geburtshilfe beim Schleswig-Holstein-Musikfestival hervor, viele Konzertbesucher schließlich haben bis heute die legendären Hochsprünge Bernsteins auf dem Dirigentenpult vor Augen.

Wie so häufig, formt sich ein Gesamtbild aus vielen Einzelheiten, manche mehr, manche weniger charakteristisch. Dass Bernstein an Weihnachten 1989, wenige Wochen nach dem Mauerfall und etwa ein Jahr vor seinem Tod, in Beethovens Neunter die „Freude“ durch die „Freiheit“ ersetzte, war wohl eine Art „Götterfunke“, der bei manchen Puristen nicht so recht zündete, wohl aber ein Signal setzte und bis heute im kollektiven Gedächtnis erhalten ist. War dies eine nur zweisilbige, aber wahrhaft spektakuläre Geste, die weltweit Reaktionen hervorrief, bleibt auch ein ganz kleiner, aber umso berührender Moment in Erinnerung: Bei einer live im Fernsehen übertragenen, konzertanten „Tristan“-Aufführung Anfang der 1980er Jahre konnte die Sopranistin Hildegard Behrens ausgerechnet beim finalen Liebestod einen Hustenreiz nicht unterdrücken und musste mehrfach aussetzen. Die Verzweiflung war ihr anzusehen, aber Bernstein lächelte ihr vom Dirigentenpult aus zu und schien ihr beim Schlussapplaus, als Behrens ihn um Entschuldigung bat, etwas zuzuflüstern wie „Das kann jedem mal passieren“. Eine Kleinigkeit, gewiss, aber wohl doch typisch für den Komponisten der WEST SIDE STORY, der einmal sagte: „Die Musik ist der tiefste Ausdruck von Humanität, den es in der Welt gibt – ein Menschenrecht – alles ist mit Musik verbunden.“ Und so spektakulär dieses Zitat wiederum ist, so pragmatisch konnte Bernstein bei anderer Gelegenheit formulieren: „Alles im Leben ist eins, auch die Liebe, auch Hamburger, Beefsteak tartare, Mahler, Beethoven, Spaziergänge, Natur – das ist alles Freude. Und das Leben ist das Leben.“ (Zitate nach dem DLF-Kalenderblatt vom 25.12.2014)

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