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Operette trifft Musical trifft Schauspiel - ein Premierenrückblick

Jazziger Spaß, historische Tragik, Einsamkeit alleine und zu zweit - die Neuinszenierungen der letzten Wochen haben einiges zu bieten.

„Operette trifft Musical“, titelte die Leipziger Internet-Zeitung anlässlich der Premiere von Emmerich Kálmáns HERZOGIN VON CHICAGO in der Musikalischen Komödie und fragte rhetorisch: „Warum eine Operette nicht wie ein Musical spielen?“. Genau das habe man in Leipzig gemacht: Kálmáns Operette „als hippes Broadway-Musical“ produziert. Heraus kamen ein „Abend der großen Bilder“, eine „kurzweilige Mischung“ – und stehende Ovationen. Dass die Trennlinie zwischen der (späten) Operette und dem (frühen) Musical nicht so scharf ist, wie man denken könnte (siehe auch Paul Abraham!), begründet die Leipziger Volkszeitung mit der Offenheit des Komponisten: „Weil Kálmán kompositorisch schon in den 1920ern in der Music Hall so heimisch war wie im Kaffeehaus, seine Couplets, Chöre und Tänze unter die Haut gehen und ans Herz“. Die Musik quelle über vor „Temperament, Charme und Witz“ – und das mit „wollüstig wuchernder Instrumentation“.

Beim DOKTOR SCHIWAGO könnte man wohl eher titeln: „Musical trifft Oper“. Am Theater Pforzheim habe dieses Werk „bezwingende Energie und mitreißende Theatralik“ entfaltet, schreiben die Badischen Neuesten Nachrichten, „wuchtiges Pathos und empfindsame Andacht“ hätten „den Fluss des Geschehens“ bestimmt, der „eindrucksvolle Kraftakt“ habe das Zeug, zu einem Publikumshit zu werden. Und so geschah es, inklusive Zusatzvorstellung wegen der großen Nachfrage.

Gegenüber der ausladenden Besetzungsliste von Lucy Simons DOKTOR SCHIWAGO ist Andrew Lloyd Webbers TELL ME ON A SUNDAY ganz schlicht: Eine Darstellerin, wenige Musiker. Am Pfalztheater Kaiserslautern sei diese One-Woman-Show „ein großartiges Musicalereignis für die Werkstattbühne, das absolut sehenswert ist“, befindet das ortsansässige Wochenblatt, „ein anspruchsvoller und trotzdem unterhaltsamer Abend, der nachdenklich stimmt und bewegt, aber auch viel Freude macht“.

Eine ganz andere Art von Kammerspiel sind Ingmar Bergmans SZENEN EINER EHE, die die neue Schauspieldirektorin in Karlsruhe in verschiedenen Räumen des Badischen Staatstheaters inszeniert. Die bereits in Lübeck erprobte Konzeption sei weder Aufklärung noch Therapieversuch, heißt es bei nachtkritik.de, sondern „einfach intelligent“, ein „außergewöhnlich gelungenes, herrlich verspieltes Experiment“.

Ferenc Molnárs LILIOM, neu am Stadttheater Fürth herausgekommen, sei eine „brüchige Lovestory mit Todesfolge samt Ausflug in überirdische Fegefeuer-Instanzen“, heißt es bei nachtkritik.de, die Handlung der vom Autor so genannten Vorstadtlegende „auch vor #MeToo eine Zumutung“. Ein wenig rätselhaft begründet der Rezensent, warum gerade dieses Werk solide im Repertoire verankert ist: Dessen Geheimnis sei „die allzeit belebende Wirkung von Bitterstoff auf Süßigkeit“. Ob er damit ungefähr dasselbe meint wie vor einiger Zeit der Komponist Moritz Eggert in der Zeitschrift "Die deutsche Bühne"? Der schrieb: „Spaß und tiefgründige Inhalte - das ist keineswegs ein Widerspruch, auch wenn wir Deutschen das gerne vergessen“.

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