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Ein Wochenende mit Stephen Sondheim

Coburg, Zwickau, Zürich: Drei Sondheim-Premieren an drei Tagen - das gab's wahrscheinlich noch nie.

Vorbei sind die Zeiten, in denen viele Theaterleute die Musicals von Stephen Sondheim als zu amerikanisch, zu intellektuell oder gar als "Kassengift" bezeichneten. Die Zahlen sprechen inzwischen eine andere Sprache. Klar gehen Sondheims Stücke nicht als pure Unterhaltung durch. Die meisten von ihnen haben eine eminent psychologische, soziologische oder auch historische Grundierung, doch diese ist so klug eingebunden und zum Theatererlebnis verdichtet, dass sich das Publikum schlussendlich eben doch "gut unterhalten" fühlt. Hinzu kommt, dass vermeintlich allzu amerikanische Gesichtspunkte, wie sie z.B. in COMPANY oder MERRILY WE ROLL ALONG aufscheinen, heutzutage auch in den deutschsprachigen Ländern so viele Déjà-Vu-Erlebnisse bei den Zuschauerinnen und Zuschauern hervorrufen, dass man kaum noch von unüberbrückbaren Differenzen sprechen kann.

Drei Sondheim-Premieren an einem Wochenende allerdings sind eine veritable Sensation, finden wir. Zumal sie ganz unterschiedliche Herangehensweisen zeigten: Im Zwickauer Malsaal - einer Interimsspielstätte mit rund 150 Zuschauerplätzen - entfaltete sich freitags DAS LÄCHELN EINER SOMMERNACHT als intime Komödie mit einer aus Musicaldarstellern und Sängern gemischten Besetzung, während das Landestheater Coburg am Samstag bei INTO THE WOODS  praktisch sein komplettes, von Kapellmeister Roland Fister auf Sondheim eingeschworenes Ensemble von Opernsängern einsetzte. Die Oper Zürich bot am Sonntag als Titelhelden in SWEENEY TODD den weltbekannten Bassbariton Bryn Terfel auf, dazu die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager und ein reinrassiges Opernensemble drumherum. 

SWEENEY TODD balanciere "virtuos auf den Gattungsgrenzen zwischen Oper, Melodram, Moritat, Operette und Musical", schreibt die NZZ anlässlich der Zürcher Premiere, mit "atemlosen Hin und Her zwischen Brutalität und schriller Komik, zwischen sozialkritischer Moritat im 'Dreigroschenoper'-Stil, überzeichnetem Grand Guignol und Splatter-Movie-Elementen - (...) ein großer, makabrer Spaß". Von "traumhafter Dichte" spricht das Coburger Tageblatt bei INTO THE WOODS. Darin "wirken die schönen Melodien, die mitreißenden Rhythmen, die klangmalerischen, aber auch die klanglich herausfordernden Passagen ineinander zu einem großen einnehmenden Ganzen". 

Kurzum: Es wurde deutlich, wie stark "opernhaft" einige Musicals von Stephen Sondheim sind oder, besser gesagt, wie sie - was z.B. auch in PASSION sehr deutlich wird - die Begrenzungen von scheinbar fest gefügten Genres überschreiten und verwischen. Und es wurde deutlich, wie viele Opernsänger inzwischen Spaß an Musicals haben. Eine weitere Runde von vielversprechenden Sondheim-Erkundungen folgt im Herbst 2019 - bleiben Sie neugierig!

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