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Neu im Verlag: Kapitalismuskritik im bunten Gewande

Ungewöhnliche Dramaturgie und vielfältige Musik zeichnen LOVE LIFE von Kurt Weill und A. J. Lerner aus.

Wir freuen uns sehr, dass unsere Vertretung der amerikanischen Werke von Kurt Weill nun durch LOVE LIFE - in der Übersetzung von Rüdiger Bering - vervollständigt wird. 1948 am Broadway uraufgeführt, musste dieses ungewöhnliche Musical, von den Autoren als "Vaudeville" bezeichnet, fast sieben Jahrzehnte auf seine deutschsprachige Erstaufführung warten.

Kurt Weill war nach seiner Ankunft in den USA stets zu musiktheatralischen Experimenten bereit, die die Möglichkeiten einer "amerikanischen Oper" ausloten sollten. In LOVE LIFE - das Weill gemeinsam mit dem aufstrebenden Autor Alan Jay Lerner konzipierte - drückt sich diese Neigung zum Experiment in dem sehr ungewöhnlichen Stückaufbau aus. Die Hauptfiguren Susan und Sam Cooper und ihre Kinder wandeln als nie alternde Familie durch die Geschichte - und zwar im doppelten Sinne: Konfrontiert werden die quasi realistischen Spielszenen mit Vaudeville-Episoden, die sich auf wichtige Stationen der amerikanischen Geschichte von der Gründung der USA bis zur Entstehungszeit des Werkes beziehen.

Weill, an "Brechtscher" Dramaturgie geschult, und Lerner, der auch große "Book Musicals" wie BRIGADOONCAMELOT oder AUF NACH WESTEN! schrieb, schufen mit LOVE LIFE gleichsam ein Scharnier zwischen diesen diversen Ansätzen unterhaltenden Musiktheaters - und damit auch ein Vorbild für viel spätere, zentrale Werke der Gattung wie beispielsweise Stephen Sondheims FOLLIES. Dennoch wurde LOVE LIFE kaum erneut aufgeführt, und die deutschsprachige Erstaufführung kam erst 2017 in Freiburg auf die Bühne. 

Die dortige Premiere sorgte allseits für größtes Erstaunen. "Die Vielfalt musikalischer Stile und Ausdrucksweisen" verblüffte den Rezensenten der NMZ, laut dem das Werk "dem alten Thespiskarren und dem barocken Maschinentheater näher (steht) als der Traumfabrik von Hollywood". "Kapitalismuskritik durchzieht das ganze Stück", schreibt die NZZ, und der Südkurier resümierte: "Weill ist ein Verwandlungskünstler". Anlässlich der Übernahme der Freiburger Produktion nach Bern schrieb der dortige "Bund", Weills "komplexe Partitur" sei "nicht zu unterschätzen. Das geht vom Madrigal über Polka, Ragtime, Jazz und Blues bis hin zu dem, was wir auch heute noch unter Musical verstehen". Ganz ähnlich hatte schon die New York Times über die Uraufführung vor über siebzig Jahren am Broadway geurteilt: "(Weill) has never composed a more versatile score with agreeable music in so many moods - hot, comic, blue, satiric, and romantic". 

LOVE LIFE wartet einerseits mit einer überschaubaren Zahl an Hauptrollen auf, ist aber andererseits mit zahlreichen Nebenrollen eine dankbare Aufgabe für einen spielfreudigen Chor, die in Freiburg und Bern mit Bravour bewältigt wurde. Die große Orchesterbesetzung macht dieses ungewöhnliche Musical zu einem reizvollen Projekt für neugierige Theatermacher an Staats- und Stadttheatern. 

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