zurück
nach oben
Merkliste

Eine Entdeckungsreise - Stephen Sondheims Musicals

Anlässlich mehrerer Sondheim-Premieren stöbern wir im Katalog von Musik und Bühne. Kommen Sie mit!

London bejubelt MERRILY WE ROLL ALONG, Kevin Tarte posiert gruselig als SWEENEY TODD in Magdeburg, Vasiliki Roussi leidet still als Fosca in PASSION (Dresden), Rebecca Stahlhut und Alexander Franzen flirten lässig in COMPANY (Bielefeld) - alles "echter" Sondheim!

Am 17. November ging in Magdeburg eine Neuinszenierung von Stephen Sondheims SWEENEY TODD an den Start, am gleichen Tag kam MERRILY WE ROLL ALONG in London neu heraus. Grund genug, diesen Meister des Musicals zu würdigen und einen kleinen Spaziergang durch den Katalog von Musik und Bühne zu unternehmen – 17 Werke von Sondheim finden sich dort!

Stephen Joshua Sondheim wurde am 22. März 1922 als einziges Kind eines wohlhabenden New Yorker Kleiderfabrikanten geboren. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass der junge Stephen über große musikalische Begabung und Intelligenz verfügte – mit vier Jahren spielte er am Klavier schon eigene Melodien – , und kein Geringerer als Aaron Copland entdeckte sein Talent. Einer Jugendfreundschaft verdankte er sozusagen seinen Einstieg ins Musiktheater, denn der Vater eines Nachbarssohns war kein Geringerer als Oscar Hammerstein II, der damals gerade an OKLAHOMA! arbeitete. Hammerstein  gab Sondheim schon bald einen Crashkurs im Musicalschreiben. 1950 gewann Sondheim ein Stipendium zum Studium bei dem Komponisten Milton Babbit.

Erste Erfolge verhalfen ihm zu dem Auftrag für die Songtexte von WEST SIDE STORY (1957 – Musik von Leonard Bernstein) und GYPSY (1959 – Musik von Jule Styne). 1962 reüssierte er am Broadway auch als Komponist mit dem Musical A FUNNY THING HAPPENED ON THE WAY TO THE FORUM. Kommerzieller und künstlerischer Erfolg schienen ihm sicher, aber als sein nächstes Musical ANYONE CAN WHISTLE (1964) nach nur neun Aufführungen abgesetzt wurde, beschränkte er sich für DO I HEAR A WALTZ? (1965 – Musik von Richard Rodgers) wiederum auf die Songtexte.

Die 1970er Jahre waren eine außerordentlich kreative Zeit für Sondheim. Er schrieb in dieser Zeit fünf Musicals, die Maßstäbe setzten. In COMPANY  überzeugte er die Kritiker mit seiner subtilen und geistreichen Darstellung der (nicht nur) für jene Zeit typischen Beziehungskrisen. Die künstlerische Zusammenarbeit mit Harold Prince setzte sich fort im Musical FOLLIES (1971), einem  vielschichtigen Stück um alternde Revuestars, die sich ein letztes Mal in ihrem ehemaligen Theater treffen. Auf andere Weise wurde das Thema Beziehungen in A LITTLE NIGHT MUSIC (1973), einem Musical ganz im Walzertakt, aufgegriffen. Es folgte das „Wasserspiel“ THE FROGS für die Yale University (1974), danach kehrte Sondheim mit PACIFIC OVERTURES (1976), einem Musical über den Gegensatz der Kulturen, und dem opernhaften Gruselstück SWEENEY TODD, THE DEMON BARBER OF FLEET STREET (1979) erfolgreich an den Broadway zurück.

1981 fand sich das Künstlerteam aus COMPANY für MERRILY WE ROLL ALONG wieder zusammen. Als das Stück nach nur 16 Aufführungen abgesetzt wurde, trennten sich die Wege von Sondheim und Prince. Seither sind Sondheims Musicals kürzer und weniger aufwendig gestaltet, angefangen mit dem pointillistisch schillernden SUNDAY IN THE PARK WITH GEORGE (1984), das die meisten Auszeichnungen erhielt, die je einem Musical verliehen wurden. Dieses Stück war der Beginn seiner Zusammenarbeit mit dem Autor und Regisseur James Lapine, die sich  in der phantasievollen und einfallsreichen Interpretation alter Märchen in INTO THE WOODS (1987) fortsetzte. Sondheim arbeitete anschließend mit John Weidman, mit dem er schon PACIFIC OVERTURES geschaffen hatte, an dem stark vom Folk beeinflussten Musical ASSASSINS (1990), einer Entdeckungsreise in die amerikanische Geschichte. Mit James Lapine tat er sich erneut für PASSION (1994) zusammen, der Geschichte einer quälenden Liebesaffäre im Italien des 19. Jahrhunderts. Erst 1997, mehr als 40 Jahre, nachdem Sondheim SATURDAY NIGHT geschrieben hatte, fand in London die Uraufführung der abendfüllenden Fassung dieses Stücks statt, die amerikanische Erstaufführung folgte 1999.

Es fällt immer wieder auf, wie unterschiedlich Sondheim die Themen seiner Musicals angeht. Nie entscheidet sich für die einfache Lösung. Zwar lässt er das Thema des Musicals stark auf die Musik einwirken, doch stets erkennt man den unverwechselbaren Stil Sondheims in Rhythmus und Harmonie, Melodie und Texteinsatz. Alles ist ausgefeilt, nichts überflüssig. Mit Blick auf A LITTLE NIGHT MUSIC nannte ein Rezensent Sondheims Musik-Text-Kombination durchaus treffend "Schlagsahne mit Messerspitzen". Sondheims 80. Geburtstag wurde in den USA und Großbritannien mit zahlreichen Neuproduktionen, Konzerten und Ehrungen kräftig gefeiert, und es wurde ein Broadwaytheater nach ihm benannt.

Dass es die Werke Sondheims beim deutschen Publikum immer noch nicht leicht haben, daran hat auch die vielfache Begeisterung der Theatermacher hierzulande bisher nicht viel geändert. Sicher eignen sich Sondheims Musicals nicht für die großen, kommerziellen Produktionsformen. Gerade die vielseitig begabten Sängerensembles deutscher Stadt- und Staatstheater jedoch, nach Bedarf ergänzt durch einige Musicaldarsteller, könnten in manchen Sondheim-Stücken äußerst reizvolle, anspruchsvolle und erfolgversprechende Aufgaben finden. Als „Einstiegsdroge“ für Ensembles und Publikum eignen sich insbesondere folgende Musicals mit guten Gründen:

A LITTLE NIGHT MUSIC – ein europäisches Thema, nach dem Film von Ingmar Bergman in Schweden angesiedelt. Es geht um drei Generationen von Frauen, eine Grande Dame aus alter Zeit, eine Schauspielerin, ein Kind. Ein für Sondheim überraschend lyrisches Stück mit überwiegend sanfter und doch prägnanter Musik, durchweg im Walzertakt. Charakteristische Rollen gerade für Sängerinnen und Sänger.

SWEENEY TODD, THE DEMON BARBER OF FLEET STREET – schwarzer Humor à la Sondheim: Das Geheimnis erfolgreichen Pastetenverkaufs ist ein Serienmörder als „Zulieferer“. Diese Hürde ist zu nehmen, aber es lohnt sich, denn das Werk zeichnet das Portrait eines empfindsamen, tief verletzten Menschen, für dessen Rache man auf verwirrende Weise Verständnis aufbringen könnte. Gute Gesangspartien. Ab dem 17. November am Theater Magdeburg!

INTO THE WOODS – eine kongeniale Vermischung verschiedenster Motive aus Grimms Märchen und dadurch dem deutschen Publikum gut zugänglich. Aus der zunächst verwirrenden Mischung entsteht eine ganz neue, unerwartete Einheit. Wegen der sehr unterschiedlichen Rollen auch als spartenübergreifende Produktion von Schauspiel und Musiktheater ein Leckerbissen! Als deutschsprachiges Cast-Album des Staatstheaters am Gärtnerplatz verfügbar.

PASSION – 2010 an der Staatsoperette Dresden in deutscher Sprache erstaufgeführt, zeigt dieses Musical eine ungewohnt romantische Seite Sondheims: eine fast opernhafte und dennoch transparente Musik, die Beschränkung auf kammerspielartige Feinheit und die kantabel ausgestalteten Gesangspartien machen dieses Musical zum perfekten Stück auch für kleinere Ensembles. Eine CD-Produktion der deutschen Fassung ist inzwischen erschienen.

Eher für singende Schauspielensembles eignen sich diese Musicals:

A FUNNY THING HAPPENED ON THE WAY TO THE FORUM – eine Komödie für singende Schauspieler, die nicht nur mit Toga und nackten Beinen beeindrucken können, sondern ihren ganzen Spielwitz einsetzen dürfen. Aktuell erfolgreich in Wien und Wilhelmshaven.

COMPANY – 1970 am Broadway ein Trendsetter, ist dieses Musical mehr als vierzig Jahre später auch in Deutschland angekommen und aktuell wie nie zuvor: Beziehungskisten und Bindungsängste, verknüpft mit Witz und Sarkasmus. In Bielefeld kürzlich ein Hit, wird COMPANY im Juni 2013 in Mannheim zu sehen sein.

MERRILY WE ROLL ALONG  – demnächst wieder am Londoner West End zu sehen, aber in Deutschland noch nie aufgeführt! Ein Leben hat viele Kurven genommen, darunter auch gefährliche und irreführende; erzählt wird dies, dramaturgisch interessant gestaltet, im Rückblick. Vielleicht brauchte dieses Stück ebenso lange wie COMPANY, um auch hierzulande aktuell zu werden? Eine nähere Untersuchung lohnt sich!

SUNDAY IN THE PARK WITH GEORGE – hier verbindet Sondheim die Kunstwelt des 19. Jahrhunderts mit dem Kunstmarkt unserer Zeit. Das Innenleben eines Künstlers und die Schwierigkeiten der Außenwelt mit ihm haben sich dabei erstaunlich wenig verändert.

Gerne versorgen wir Sie mit dem nötigen „Proviant“ für Ihre eigene Entdeckungsreise in Sachen Sondheim. Fordern Sie Ansichtsmaterial an! Sie können sich diese Informationen auch direkt als pdf-Datei herunterladen und ausdrucken (Link siehe unten).


Archiv

IN AKTUELLES SUCHEN