Stephen Sondheim ist mittlerweile auch an deutschsprachigen Theatern längst kein Geheimtipp mehr. Musicals wie COMPANY, FOLLIES oder SWEENEY TODD werden regelmäßig gespielt – letzteres feierte in der Spielzeit 2024/25 gleich an sechs Theatern Premiere, und der Trend setzt sich fort. In London hat Regisseur Jordan Fein, der 2024 bereits dem Musicalklassiker ANATEVKA durch seinen innovativen Zugang zu einem erfolgreichen Revival verholfen hat, nun im Bridge Theatre eine neue Inszenierung von INTO THE WOODS vorgelegt.
Düsteres Märchen-Mashup
Die aktuelle Londoner Fassung ist deutlich düsterer als die meisten INTO THE WOODS-Produktionen. Fein arbeitet die dunklen und oft brutalen Seiten der Grimm’schen Märchenvorlagen gezielt heraus. In INTO THE WOODS treffen nämlich verschiedene Märchenfiguren wie Aschenputtel, Rotkäppchen, Jack mit der Bohnenranke und Rapunzel aufeinander. Der Clou: Im ersten Akt erzählen Sondheim und Buchautor James Lapine (SUNDAY IN THE PARK WITH GEORGE) die Märchen in ihrer bekannten Form, wenn auch mit ein paar Twists, bis zu ihrem glücklichen Ende.
Im zweiten Akt folgt auf das Happy End das böse Erwachen: Die Märchen werden dekonstruiert, die archetypischen Figuren hinterfragt und die dargestellten Handlungen kritisch beleuchtet – „Witches can be right, giants can be good“, ist nur eine der in diesem Kontext bezeichnenden Textzeilen. Zugleich ist INTO THE WOODS eine elaborierte Reflexion über die Bedeutung von Wünschen, deren Erfüllung sich oftmals anders gestaltet als erwartet. Das stellt etwa Cinderella fest, die sich das Leben mit ihrem Prinzen ganz anders vorgestellt hat, als es in der Realität ist.
Zwischen Minimalismus und Hyperrealismus
Jordan Feins Londoner Inszenierung beginnt recht minimalistisch in einem reduzierten Bühnenbild (Ausstattung: Tom Scutt). Dadurch liegt der Fokus klar auf den Figuren, deren Hintergründe und Wünsche zu Beginn in einer ausgedehnten und musikalisch höchst kunstvollen Sequenz vorgestellt werden. Nach Ende des Prologs, wenn die Märchenfiguren in den Wald gehen, um für die Erfüllung ihrer Wünsche zu kämpfen, öffnet sich die Bühne und gibt den Blick auf einen hyperrealistischen Wald frei. Mithilfe von atmosphärischem Licht kann sich dieser in Sekundenschnelle in die unterschiedlichsten Schauplätze verwandeln, was der Produktion eine geradezu filmische Sogwirkung verleiht.
Feins Ansatz ist damit ein merklich anderer als der von James Lapine, der nicht nur der Librettist des Musicals ist, sondern als Regisseur auch für die erste Inszenierung am Broadway 1987 verantwortlich war. Lapines Version von INTO THE WOODS stand noch deutlich im Zeichen der großen Spektakelshows und Megamusicals dieser Ära. Ein (heute ikonischer) 75-Fuß-langer aufblasbarer Stiefel wurde damals beispielsweise an der Fassade des Martin Beck Theatre installiert, so als sei der Riese aus „Jack und die Bohnenranke“ auf das Theatergebäude gekracht – nur ein Beispiel für den Blockbuster-Habitus dieser Produktion, die glücklicherweise durch eine (auch auf DVD veröffentlichte) Aufzeichnung von PBS für die Nachwelt konserviert wurde.
„One of Sondheim’s most popular shows“
Wie gut die Show aber auch im intimeren Rahmen funktioniert, beweist Fein mit seiner aktuellen Inszenierung im Bridge Theatre, die von Publikum wie Presse gleichermaßen gefeiert wird. Im Guardian etwa bezeichnet Arifa Akbar INTO THE WOODS als „eternally imaginative Grimm Brothers mashup“ und führt aus: „Its book is so clever and it is driven by the most gorgeous (if tricky) music.“
Houman Barekat schreibt in der New York Times: „There are no happy endings in life – only endless confusion, regret and recrimination. This take-home message from Stephen Sondheim and James Lapine’s 1986 musical, INTO THE WOODS, doesn’t exactly scream festive cheer. But the method of delivery is too delightfully silly to resist, and a new revival of INTO THE WOODS […] makes the most of the musical’s whimsical premise, leaning into the visuals of fairy tale lore with a spirit of winking pastiche.“
Besonders gut auf den Punkt bringt es Ian Bowkett im Musical Theatre Review:
We’ve all heard the Brothers Grimm fairy tales a hundred times before, staged in every way imaginable. INTO THE WOODS took these overtold tales and still managed to enrapture audiences around the world due to its genius approach. To this day it is one of Sondheim’s most popular shows.
Ein Musical mit unzähligen Inszenierungsmöglichkeiten
Im deutschsprachigen Raum rangiert das tiefgründige Märchenmusical auf Platz 2 der Sondheim-Statistik – zuletzt zeigte es das Theater Basel 2024 in der Regie von Martin G. Berger. „Im ersten Akt amüsiert man sich königlich, wie Buchautor James Lapine fünf bis sechs Märchen raffiniert zusammenknotet, wie sich die Figuren gegenseitig stören und helfen, und wie eigentlich alles im Eiltempo bestens ausgeht“, erklärt Angela Reinhardt in ihrer Rezension dieser Produktion für Musical Today. „Im zweiten Akt kommt dann der Schock, die Märchenfiguren werden zertrampelt, die Prinzen gehen fremd und die guten Menschen lügen.“
INTO THE WOODS – 2014 erfolgreich mit Meryl Streep und Johnny Depp verfilmt – mag hierzulande (noch) im Schatten von SWEENEY TODD stehen. Die Zugänge, die das Musical den Theatern bietet, sind jedoch außergewöhnlich vielfältig: Egal ob große Blockbuster-Show wie am Broadway; intimes, auf die Figuren fokussiertes Theater wie im Londoner Bridge Theatre oder psychoanalytisch dekonstruiert wie in Basel – jede Produktion weiß aufs Neue zu überraschen.
Denn INTO THE WOODS ist weit mehr als ein cleveres Märchen-Mashup. Gerade die Londoner Produktion zeigt eindrucksvoll, wie zeitgenössisch und anschlussfähig Sondheims Werk ist: INTO THE WOODS ist ein Stück über Verantwortung, über die Ambivalenz erfüllter Wünsche und über das fragile Gleichgewicht zwischen individueller Sehnsucht und gesellschaftlichem Miteinander – Aspekte, die jede Inszenierung anders gewichten und neu akzentuieren kann.
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Text: Dr. Patrick Mertens. Fotos der Bridge-Theatre-Produktion: Johan Persson