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Kluge Gesellschaftskritik mit Herz

Zwei Musicaladaptionen von Roald-Dahl-Klassikern erlebten im Dezember ihre deutschsprachige Erstaufführung. In Linz war zudem COME FROM AWAY erstmals in Österreich zu sehen. Wir haben die Pressestimmen zusammengetragen.

MATILDA in Baden bei Wien (Fotos: Bühne Baden/Lalo Jodlbauer)

CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK in Regensburg (Fotos: Theater/Marie Liebig)

COME FROM AWAY in Linz (Fotos: Theater/Reinhard Winkler)

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Für Ungeduldige direkt zu den Stückinfos:

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Roald Dahls MATILDA zählt zu den großen Klassikern der Kinderbuchliteratur. Auch die Musicalversion von Tim Minchin und Dennis Kelly ist seit Jahren ein Publikumserfolg (über 10.000 Aufführungen weltweit, davon allein über 5000 en suite in London). Seit Dezember ist das Musical in der Übersetzung von Sabine Ruflair an der Bühne Baden erstmals auch auf Deutsch zu erleben.

Klaus Kainz beschreibt MATILDA bei der Austria Presse Agentur als „skurrile Fabel über ein hochbegabtes Mädchen, das in einer tyrannischen Schule landet“. Das Musical biete „leichte Kost für die ganze Familie“ und sei „auch für das junge Publikum leicht verdaulich“. Kainz lobt zudem das „Ohrwurm-Potenzial“ der Musiknummern und die „aberwitzigen Dialoge“.

Eine kluge Balance zwischen Komik und Ernst

Etwas ausführlicher beschreibt Andrea Martin die deutschsprachige Erstaufführung: „Großen Wert legt man auf die Zeichnung der Charaktere, so dass man entweder mit ihnen leidet, über sie lacht oder sie am liebsten von der Schule verweisen würde“, heißt es in ihrer Rezension für das Magazin KulturAspekte. In der Musicalzentrale lobt Frank Guevara Pérez die „emotionale Tiefe“ und die „kluge Balance zwischen Komik und Ernst“.

Er führt aus: 

Minchins Kompositionen verbinden eingängige Motive mit präzisem Wortwitz und sind eng mit der Dramaturgie verzahnt: Die Songs treiben die Handlung voran und schärfen Figuren, statt sie zu unterbrechen. Dennis Kellys Buch geht dabei bewusst über die Romanvorlage hinaus.

Besondere Würdigung findet Sabine Ruflairs Übersetzung, die „die Originaltexte stilsicher auf[greift] und daraus eine eigene sprachliche Welt [entwickelt]. Wortspiele, Reime und Rhythmus bleiben dabei nicht nur verständlich, sondern tragen den musikalischen Fluss zuverlässig weiter.“

Kluge Gesellschaftskritik mit Herz

„Die Musik und Songtexte von Tim Minchin verbinden Virtuosität, Ironie und emotionale Direktheit“, betont Patricia Messmer auf kulturfeder.de. „Sabine Ruflairs deutsche Fassung trifft Tonfall und Rhythmus mit bemerkenswerter Präzision“. Das Musical sei dabei „weit mehr als Familienunterhaltung, es ist kluge Gesellschaftskritik mit Herz“.

Messmers Fazit: „MATILDA entfaltet in Baden jenen besonderen Sonnenschein-Effekt, der dieses Musical auszeichnet: Trotz düsterer Themen bleibt ein Gefühl von Hoffnung, Wärme und Zuversicht. Humor mit Biss, markante Figuren, mitreißende Musik und starke Tanznummern verbinden sich zu einem Abend, der unterhält und berührt, ohne je belehrend zu wirken.“

Reise in die Welt der Träume und Visionen

Ein weiterer Dahl-Klassiker feierte letzten Monat im Theater Regensburg ebenfalls seine deutschsprachige Erstaufführung: CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK. Dahls Vorlage bezeichnet Volker Tzschucke in der Deutschen Bühne als „träumerisches, aber auch schwarzhumoriges Kinderbuch“. Er beschreibt die Produktion als „märchenhaft, bildgewaltig und musikalisch überzeugend“. Die deutsche Übersetzung sei zudem „schlüssig“ und „mit viel Witz“ ausgestattet.

Auch Frank Guevara Pérez lobt in der Musicalzentrale die „sehr gelungene deutsche Übersetzung von Christian Poewe“ sowie die „satirische Präzision“ des Werks. Er hebt darüber hinaus die „fast operettenhaften, breit ausgelegten Melodielinien der Filmvorlage“ hervor, zu denen die neukomponierten Songs mit „einer Mischung aus klassischem Musical-Theater, leicht jazzigen Farben und poppigen Einschüben“ treten.

Ein Gesamtkunstwerk mit düster-skurrilem Unterton

Patricia Messmer beschreibt die Regensburger Produktion auf kulturfeder.de als „opulenten, sinnlich überwältigenden und zugleich erstaunlich bissigen Abend“ und ein „Paradebeispiel für musikalisches Erzähltheater“. CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK sei eine „zeitlose Parabel über Maßlosigkeit, Gier und kindliche Hoffnungen“. Marc Shaimans „anspruchsvolle und vielschichtige“ Partitur wechsle „souverän zwischen klassischen Broadway-Anklängen, Jazz- und Big-Band-Sounds, sentimentalen Balladen und grotesk-ironischen Nummern“. Dabei schwinge „hinter der oft schillernd-fröhlichen Oberfläche […] immer wieder ein düster-skurriler Unterton“ mit.

Die „witzige und zeitgemäße“ Übersetzung verleihe dem Text „sprachliche Frische, die die satirischen Spitzen scharf setzt und das Publikum immer wieder lachen lässt, ohne den moralischen Kern zu verwässern“. Bei CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK erlebe man einen „farbrauschenden Musicalabend, der Unterhaltung, musikalische Raffinesse und moralische Zuspitzung verbindet“, und ein „ambitioniertes, klug gearbeitetes Gesamtkunstwerk, das sein junges wie erwachsenes Publikum ernst nimmt und mit reichlich Fantasie belohnt“.

Ein warmherziges Stück über praktizierte Nächstenliebe

Mit COME FROM AWAY feierte ein weiteres neueres Musical seine österreichische Erstaufführung im Theater Linz. Das Werk von Irene Sankoff und David Hein schildert die Folgen der Terroranschläge des 11. September 2001 am Beispiel der kleinen neufundländischen Stadt Gander. Dort mussten 38 Flugzeuge mit über 6000 gestrandeten Passagieren nach der Sperrung des amerikanischen Luftraums notlanden, um die sich die Einheimischen in den folgenden Tagen kümmerten.

„Ein im positivsten Sinn zu Herzen gehendes Musical, […] das noch an das Gute im Menschen glauben [lässt]“, urteilt Ingo Göllner in der Musicalzentrale. Über das „warmherzige, anrührende Stück über praktizierte Nächstenliebe“ führt er aus:

Die 13 Darstellerinnen und Darsteller müssen im Minutentakt ihre Charaktere wechseln. Mal sind sie Einheimische, mal „die von woanders“ […]. Mal ist es ein eher komischer Charakter, mal ein ernster. Doch jede Figur bekommt eine Eigenheit, erscheint dreidimensional, selbst wenn der Part pro Szene nur wenige Sätze hat.

Die Band beschwöre durch „verschiedene Percussion-Instrumente sowie den Einsatz von Fiddle und Akkordeon eine spezielle Atmosphäre herauf. Bei der Begleitung der Songs setzt sie die Dringlichkeit von Situationen, den humorvoll dargestellten Pragmatismus, folkige Fröhlichkeit, aber auch Beklemmung und Trauer brillant um.“

Ein Ensemble-Stück wie kein anderes

Susanne Dressler lobt bei Musical Today die „leichtfüßigen Melodien, die sich deutlich am irischen Folk orientieren“, während Petra und Helmut Huber im Online Merker erklären: „Die Musik ist der jeweiligen Situation unterworfen, eingängig, hauptsächlich im Folk-Rock-Genre angesiedelt.“ Jessica Donev bezeichnet das Musical bei subtext.at als „Ensemble-Stück wie kein anderes“ mit „mitreißendem Celtic-Folk-Rock-Sound“. COME FROM AWAY sei „ehrlich, berührend und überraschend humorvoll“.

Der ORF urteilt:

Ein Abend voller Menschlichkeit, Musik und bewegter Geschichten. […] Das Musical zeigt, wie außergewöhnliche Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit in einer Ausnahmesituation gelebt wurden – und holt jene ins Rampenlicht, die am Rand eines weltbewegenden Ereignisses Großes geleistet haben.


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