Anlässlich des amerikanischen Nationalfeiertags und der 250-Jahr-Feier stellen wir sieben Musicals vor, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Geschichte, Gesellschaft und Zukunftsvisionen Amerikas auseinandersetzen.
Für Ungeduldige direkt zu den Stückinfos:
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„I like to be in America“
WEST SIDE STORY ist der unbestrittene Klassiker unter den amerikanischen Musicals. In dieser modernen „Romeo und Julia“-Variante bekämpfen sich zwei verfeindete Straßengangs – die Jets und die Sharks – in den Häuserschluchten Manhattans. Die Autoren schaffen hier nicht nur ein eindringliches Zeitporträt von New York in den 1950er-Jahren, sondern reflektieren zugleich die Wünsche und Träume von Einwanderern.
Dass sie dabei nicht plakativ vorgehen, sondern gesellschaftliche Probleme differenziert beleuchten, zeigt sich etwa in einem Song wie „America“. Leonard Bernstein (CANDIDE) und Stephen Sondheim (SWEENEY TODD, INTO THE WOODS, COMPANY) porträtieren Amerika in dieser Nummer einerseits als Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und benennen zugleich Probleme (allen voran Rassismus und soziale Ungleichheit), mit denen Migranten konfrontiert werden.
„He will ride on the wheels of a dream…“
Einen Blick in die fernere amerikanische Vergangenheit bietet das Musical RAGTIME, das mit den Mitteln einer Revue den Lebensweg verschiedener Menschen erzählt, die sich in den Jahren nach 1900 in den Vereinigten Staaten ein besseres Leben aufbauen wollen. Historische Persönlichkeiten wie J. P. Morgan, Henry Ford und Harry Houdini agieren neben fiktiven Charakteren, deren Schicksale repräsentativ für die vielen Migranten in New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts stehen.
Das Musical von Terrence McNally (CATCH ME IF YOU CAN, A MAN OF NO IMPORTANCE), Lynn Ahrens und Stephen Flaherty (ROCKY, ONCE ON THIS ISLAND) verbindet eine eindrückliche historische Gesellschaftsstudie mit einem Score, der von amerikanischen Musikidiomen durchzogen ist. Über allem steht die Frage, was Amerika als Nation und Gesellschaft eigentlich ausmacht – und welche Bedeutung der in Literatur, Film und Musik so oft verarbeitete „American Dream“ letztlich hat.
Eine Auseinandersetzung mit der amerikanischen Justiz
Im Musical PARADE widmet sich Jason Robert Brown (DIE LETZTEN FÜNF JAHRE, DIE BRÜCKEN AM FLUSS) einem wesentlich dunkleren Kapitel der amerikanischen Geschichte: 1913 wird der jüdische Fabrikleiter Leo Frank fälschlicherweise wegen des Mordes an einem 13-jährigen Mädchen angeklagt. Eine voreingenommene Justiz, geleitet von unverhohlenem Antisemitismus, spricht ihn schuldig. Zwei Jahre später fällt er einem Lynchmord zum Opfer.
Die bedrückende wahre Begebenheit adaptierte Alfred Uhry als dritten Teil seiner Atlanta-Trilogie, zu der auch das weltberühmte Schauspiel „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ zählt. Uhrys eindringliches Buch wird durch Browns vielfältige Musik, die von Folk, Gospel, Dixie-Jazz bis zu Pop-Rock-Klängen reicht, stimmungsvoll ergänzt. Das anspruchsvolle Werk wurde mit zwei Tonys prämiert.
„C’mere and kill a President!“
Noch düsterer wird es in Stephen Sondheims ASSASSINS. Im Zentrum dieses Konzept-Musicals stehen sieben Männer und zwei Frauen, die zu verschiedenen Zeiten versuchten, einen amerikanischen Präsidenten zu ermorden. Sondheim und sein Librettist John Weidman (BIG, PACIFIC OVERTURES) lassen die historischen Figuren wie John Wilkes Booth oder Lee Harvey Oswald in einem surrealen Jahrmarkt-Setting über ihr Leben und ihre Motivationen reflektieren. Das Musical, durchzogen von Folk-, Ragtime- und Vaudeville-Klängen, ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Mythos Amerika“.
Ein Zeitporträt der Großen Depression
Ein amerikanischer Mythos und die Faszination der Vereinigten Staaten für Kriminelle sind ebenfalls Thema des Musicals BONNIE & CLYDE aus der Feder von Frank Wildhorn (JEKYLL & HYDE, DRACULA) und Don Black (TELL ME ON A SUNDAY). Das Werk schildert den Lebensweg des Gangsterpärchens Bonnie Parker und Clyde Barrow, das während der Großen Depression zu einer Mediensensation wird. Songs wie „Made in America“ mit Versen wie „You may be in debt / Wake up in a sweat / But let’s not forget / You were made in America!“ liefern ein packendes Zeitporträt der amerikanischen Gesellschaft in den 1930er-Jahren.
„Welcome to the Age of Hysteria“
Als außergewöhnliches Zeitporträt kann man auch die Rockoper AMERICAN IDIOT bezeichnen. Sie basiert auf dem gleichnamigen Konzeptalbum der Band Green Day, das als Reaktion auf die gesellschaftliche Schockstarre nach dem 11. September 2001, dem wohl tiefgreifendsten Einschnitt der modernen amerikanischen Geschichte, entstand. Das ebenso mitreißende wie politisch explosive Werk enthält berühmte Songs wie „Boulevard of Broken Dreams“ und „Wake Me Up When September Ends“.
Ein utopisches Amerika
Einen merklich positiveren, wenn auch nicht minder kritischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft wirft das Musical HAIRSPRAY von Marc Shaiman und Scott Wittman (CATCH ME IF YOU CAN, CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK). Vor der Folie eines scheinbar unbeschwerten Tanzwettbewerbs im Baltimore der 1960er-Jahre beleuchten die Autoren den alltäglichen Rassismus und die Segregation von weißen und schwarzen Jugendlichen in der damaligen Zeit.
Trotz der Schwere dieser Thematik ist HAIRSPRAY eine Feel-Good-Show mit eingängigen Songs. Am Ende des Musicals wird sogar eine utopische Vision für das Amerika von morgen präsentiert: Eine Welt, in der alle Menschen – unabhängig von Hautfarbe, Körperform oder Aussehen – glücklich sein und sich frei entfalten können. Im Schlusssong heißt es entsprechend: „You can try to stop the paradise we’re dreamin' of / But you cannot stop the rhythm of two hearts in love to stay / ‘Cause you can’t stop the beat!“