zurück
nach oben
Merkliste

It's a Revolution! RAGTIME in minimalistischer Inszenierung

Ein neues Revival von RAGTIME feiert in New York gerade große Erfolge. Was dieses Musical so besonders macht, verrät unser Blick über die Grenzen.

RAGTIME in New York (Fotos: PM)

RAGTIME in Braunschweig (Fotos: Theater/Volker Beinhorn)

| Lesezeit: | Druckansicht

Ein Megamusical zurück in New York

Knapp 30 Jahre sind vergangen, seit RAGTIME zum ersten Mal das Publikum am Broadway begeistert hat. Neben zahlreichen Auszeichnungen, darunter vier Tony Awards, schaffte es das Musical schnell, sich als moderner Genreklassiker zu etablieren. Entsprechend regelmäßig finden sich Revivals der Show im anglo-amerikanischen Raum. Seit 16. Oktober 2025 ist RAGTIME im New Yorker Lincoln Center zu erleben – und wird von Publikum wie Presse gefeiert.

Die aktuelle Produktion von RAGTIME sei „an impeccably performed revival of a stirring megamusical“, schreibt Joe Dziemianowicz im New York Theatre Guide. Das Stück von Terrence McNally (Buch; CATCH ME IF YOU CAN), Lynn Ahrens (Songtexte; A CHRISTMAS CAROL) und Stephen Flaherty (Musik; ROCKY) aus dem Jahr 1998 ist in der Tat ein spätes Beispiel für ein sogenanntes Megamusical. Hiermit sind Shows gemeint, die sich durch große Blockbuster-Inszenierungen, elaborierten Technikeinsatz und einen insgesamt hohen Produktionsaufwand auszeichnen – man denke an Andrew Lloyd Webbers Werke, wie SUNSET BOULEVARD, CATS, PHANTOM DER OPER oder LOVE NEVER DIES.

Minimalismus statt Spektakel

Die neue RAGTIME-Inszenierung im Lincoln Center beweist nun, dass man Megamusicals keineswegs immer mit einem millionenteuren Bühnenbild oder vielen Spezialeffekten produzieren muss, damit sie ihre Wirkung entfalten. „This revival rejects spectacle in favor of emotional excavation“, schreibt Kyle Torrence in Attitude zur aktuellen New Yorker Produktion. „David Korins’ intentionally minimalist set leaves space for the actors to build the world themselves.“

Wie bereits die jüngsten von Regisseur Jamie Lloyd in äußerstem Minimalismus gestalteten Revivals von EVITA und SUNSET BOULEVARD unterstrichen haben, besitzen Megamusicals viele Qualitäten jenseits ihrer Spektakelinszenierungen. Gerade RAGTIME überzeugt besonders durch seine packende Handlung und den Score. Dieser warte, so Dziemianowicz, mit „several thrilling power ballads and group numbers like the title song, ‚New Music‘, ‚Wheels of a Dream‘, and ‚Back to Before‘“ auf.

Ein amerikanischer Klassiker wird zum Musical

RAGTIME basiert auf dem gleichnamigen Roman von E. L. Doctorow, in dem kunstvoll verschiedene Handlungsstränge aus den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im amerikanischen Schmelztiegel New York miteinander verwoben werden. Als Protagonisten fungieren eine Mutter aus einer wohlhabenden weißen Vorstadtfamilie, die sich gegen überholte Rollenbilder auflehnt, ein farbiger Jazzpianist aus Harlem, der den Tod seiner Verlobten rächen will, und ein jüdischer Immigrant aus Lettland, der seiner Tochter ein besseres Leben bieten möchte und ins Filmbusiness einsteigt.

Nicht nur kreuzen sich die Lebenswege dieser Figuren in der epischen Handlung mehrfach, auch historische Persönlichkeiten wie Henry Ford, Harry Houdini oder Evelyn Nesbit treten auf und interagieren mit den fiktionalen Protagonisten. Um diese weitverzweigte Geschichte in eine funktionierende Bühnenfassung zu überführen, setzte der renommierte Buchautor Terrence McNally einen genialen Kunstgriff ein: Die Figuren durchbrechen nahezu kontinuierlich die vierte Wand und kommentieren – in bester Brecht’scher Manier – die Handlung.

Ein zeitloses Musical

Diesen für RAGTIME charakteristischen Verfremdungseffekt arbeitet Regisseurin Lear deBessonet in der aktuellen New Yorker Produktion des Musicals gezielt heraus – unter anderem durch das bewusst reduzierte Bühnenbild. So ist auf der spärlich eingerichteten Bühne zu Beginn der Show neben dem Titelschriftzug lediglich ein einzelnes, verstimmtes Klavier platziert. Laut Dziemianowicz sei dieses „a fitting symbol for an America torn by racism, inequality, and divisiveness as shown on stage. Set in the early 20th century, it speaks to 2025 with the urgency and topicality of headline news.“

Die Zeitlosigkeit und Aktualität des Stücks loben auch andere Rezensenten. Kyle Torrence etwa erklärt: „The musical confronts racism, xenophobia, and feminism, forces still hauntingly present today. […] This RAGTIME is not just a revival; it is a revolution. In a fractured world, it urges us to look back with honesty and forward with courage. It insists we remember that we must never go back to before.“

„An American folk epic“

Frank Rizzo beschreibt das Musical in Variety als „glorious panorama of changing times in America“ mit „ever-vital themes“ und unterstreicht: „RAGTIME […] reverberates with the directness, passion and allegorical heft of an American folk epic.“ Adam Feldman lobt in TimeOut besonders den Score, der „intelligent, well-crafted and moving, with clever musical nods to period-appropriate styles“ sei.

Auch im deutschsprachigen Raum war RAGTIME bereits mehrfach erfolgreich. Zur deutschen Erstaufführung 2015 in Braunschweig heißt es etwa in Blickpunkt Musical, die Thematik des Stücks sei „aktueller denn je. Flüchtlinge, Einwanderer, Schwarze, sich ändernde Zeiten – all dies sind Bestandteile dieser geschickt verwobenen Geschichte, die auch viele Menschen, die hier leben, betreffen“. Die Deutsche Bühne lobte das Musical damals als „historisch bildendes und sozialkritisch engagiertes“ Stück.

Weitere Produktionen folgten 2017 in Kassel, 2018 an der Oper Graz und 2019 in Linz, dort erstmals komplett in deutscher Sprache. Die aktuelle New Yorker Produktion führt eindrucksvoll vor Augen, welches künstlerische Potenzial in RAGTIME bis heute steckt und warum eine erneute Begegnung mit dem Werk auch hierzulande mehr als lohnenswert wäre.

*

Text: Dr. Patrick Mertens


Archiv

IN AKTUELLES SUCHEN