zurück
nach oben
Merkliste

BRIEFE VON RUTH – wertvolles Zeugnis einer jungen Frau

BRIEFE VON RUTH (in der norwegischen und englischen Version RUTH MAIER) wird am 24. April in Trondheim gezeigt, erstmals in Norwegen. Die norwegische Musikjournalistin Bodil Maroni Jensen hat mit dem Komponisten Gisle Kverndokk über das ungewöhnliche Musical gesprochen. 

Jasmina Sakr und Tamara Pascual sangen Ruth und Gunvor bei der Uraufführung von BRIEFE VON RUTH (Foto: Musical Frühling Gmunden/Reiner Riedler)

Gisle Kverndokk (Fotos: Bodil Maroni Jensen)

BRIEFE VON RUTH beim Musical Frühling Gmunden 2023 (Fotos: Rudi Gigler)

Elisabeth Sikora und Markus Olzinger, das Leitungsduo des Musical Frühlings Gmunden (Foto: Rudi Gigler)

BRIEFE VON RUTH an der Kammeroper Wien 2025 (Foto: VBW/Herwig Prammer)

Bodil Maroni Jensen, die Autorin dieses Beitrags (Foto: Morgane Fauconnier)

| Lesezeit: | Druckansicht

Ruth Maier war eine von 529 jüdischen Menschen, die am 26. November 1942 an Bord der „Donau” gebracht und von Oslo nach Auschwitz deportiert wurden. Sie war 22 Jahre alt und vier Jahre zuvor aus Wien geflohen, um der Judenverfolgung zu entkommen. Wie eignet sich eine solche Geschichte für ein Musical?

  • Mein Ausgangspunkt ist, dass man aus allem Musiktheater machen kann. Aus absolut allem, solange man eine gute Geschichte zu erzählen hat. Gisle Kverndokk

Es war Gisles Idee, ein Musiktheaterstück auf der Grundlage dieses Materials zu schaffen. Zusammen mit Aksel-Otto Bull, einem Dramatiker und Regisseur, reiste er nach Wien, folgte Ruths Spuren, fand alle Adressen, an denen sie gewohnt hatte, und mehrere Orte, die für sie wichtig gewesen waren.

  • Ich glaube, ich habe noch nie so viel Recherche zu einem Thema betrieben wie für dieses Projekt. GK

Das Musical wurde 2014 fertiggestellt. Der Weg zu einer vollständigen Bühnenaufführung des gesamten Werks sollte jedoch noch lang sein.

  • Ich habe ja einen gewissen Ruf, zumindest hier in Österreich und Deutschland, dass ich schwierige Musik schreibe. Ich finde das überhaupt nicht schwierig, aber ich verstehe es. Es ist ein bisschen anders als der übliche Pop-Stil. GK

Genau dieses „Anderssein” ist es, was die Verantwortlichen für den Musical Frühling Gmunden in Österreich ansprach, die experimentellen, neuen Musiktheaterkonzepten gegenüber aufgeschlossen sind: den Regisseur und Bühnenbildner Markus Olzinger und die Sängerin, Co-Regisseurin und Dramaturgin Elisabeth Sikora. Sie hat auch das norwegische Libretto ins Deutsche übersetzt. Beide kennen Gisle Kverndokk schon lange und haben in Gmunden bereits zwei seiner Werke aufgeführt.

Die Premiere von BRIEFE VON RUTH im März 2023 wurde vor ausverkauftem Haus gespielt. Das Publikum war begeistert, beeindruckt, ernst und bewegt. Die Kritiken sind positiv. Die Kritiker haben alle darüber nachgedacht, ob die Form des Musicals die richtige war, und sie haben sie alle akzeptiert.

  • Und wenn ich diese Produktion sehe, sehe ich, dass es funktioniert und dass es tatsächlich möglich ist, dann glaube ich wieder an mich selbst. Es ist einfach so schön zu sehen, dass wir doch nicht ganz so realitätsfern waren. GK

BRIEFE VON RUTH ist Musiktheater, das uns dazu bringt, dem Text zuzuhören, jedem Wort, der Bedeutung, der offensichtlichen und der, nach der wir vielleicht suchen müssen, weil es eine andere Zeit war. Dies ist ein Dokumentarfilm. Es ist nicht nur Musiktheater. Es ist Geschichte, eine Einführung in das Schicksal eines Menschen. Es ist auch eine Liebesgeschichte zwischen Ruth Maier und Gunvor Hofmo.

  • Diese Musik habe ich so schnell geschrieben. Sie ist mir einfach so zugeflossen. Es gibt keine anderen Versionen der Lieder. Alles, was ich im ersten Entwurf geschrieben habe, ist dabei. Es war also eine sehr seltsame Erfahrung. GK

Das Musical ist so komponiert, dass verschiedene Szenen miteinander verwoben sind. Zum Beispiel, wenn Ruth und andere junge Frauen auf Biri freiwilligen Dienst leisten. Es ist Heiligabend 1940. Eine der Frauen möchte „Deilig er jorden” (Schön ist die Erde) singen. Eine andere sagt: 

  • Nein! Wie können wir hier und jetzt so ein Lied singen? 
    Wenn Krieg herrscht und so viel Böses in der Welt ist?

Und dann sagt Ruth:

  • Nein! Die Welt ist nicht schlecht! 
    Denn wenn sie schlecht wäre, würde man fragen: Wie kommt das Gute in die Welt? 

Und „Deilig er jorden“ wird gesungen. Gleichzeitig sehen wir Ruths und Gunvors erste Liebesbegegnung, und Ruth singt den Text aus ihrem eigenen Gedicht „Til en venninne“ (An eine Freundin):

„Deilig er jorden“ wird zu einem Choral, einer Bestätigung des Beginns ihrer Beziehung. 

  • Jan Erik Vold hat ein Buch über Gunvor Hofmo, ‚Mørkets sangerske‘, veröffentlicht, in dem er einen Artikel von Gunvor über Ruth aus den 1950er Jahren abdruckt. Darin beschreibt sie genau diese Szene, in der sie sich zum ersten Mal begegnet sind, und genau das ist es. Es war nämlich Heiligabend in Biri, und die Verwalterin sagte, da es Heiligabend sei, möchte sie, dass sie ‚Deilig er jorden‘ singen. Nein, das können wir jetzt nicht singen, denn es ist so schrecklich in der Welt, antwortete eins der Mädchen. Und dann, so schreibt Gunvor, stand Ruth auf und hielt eine flammende Rede darüber, wie schön die Welt sei. Gunvor beschreibt die Rede, aber sie ist nicht niedergeschrieben. Also haben wir versucht, unsere eigene Version dieser Rede zu schreiben – unter anderem mit Worten aus Ruths Tagebuch. GK

Immer eingerahmt von „Deilig er jorden” (Wunderschön ist die Erde) erklingt diese Rede:

  • Menschen sind beides, schlecht und gut.
    Gutes dringt in die Menschen, wenn wir für sie spiel’n im Theater, 
    Mit geschminkten Lippen Geschichten erzählen! 
    Gutes kommt, wenn sie Gedichte und Bilder kreier’n. 
    Gutes kommt, wenn sie mit der Geige sanft am Kinn Lieder kreier’n.
    Menschen sind schlecht, wenn sie einander töten. 

Eine ähnliche Zusammenstellung von Szenen sehen wir, wenn der Chor „Rot ist auch der Jud‘, wenn er blutet" singt, ebenfalls ein Text aus Ruths Feder, während wir gleichzeitig eine glückliche Kindheitsszene sehen, in der Ruth zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrer Schwester Judith zu sehen ist.

1953 versuchte Gunvor Hofmo, einige von Ruth Maiers Tagebüchern bei Gyldendal zu veröffentlichen, dem Verlag, bei dem sie selbst Gedichte veröffentlicht hatte.

  • Sie ging mit den handgeschriebenen Tagebüchern zu ihrem Verleger Harald Grieg und wollte, dass sie veröffentlicht werden. Er lehnte ab, weil sie viel zu privat waren. GK

Eine kurze Rekonstruktion dieser Szene wurde für die Inszenierung in Gmunden erstellt, um dem Publikum zu vermitteln, wer Gunvor Hofmo ist. Gunvor bleibt mit den Tagebüchern zurück, als der Verleger geht. Und damit beginnt das Stück.

Das ist an sich schon eine interessante Szene. Sie sagt etwas über die Zeit aus. „Das Private” ist heute kaum noch ein Gegenargument, sondern eher das, was das Material als Zeugnis einer jungen Frau wertvoll macht, die die Judenverfolgung nicht überlebt hat.

  • Wenn der Verleger sagt ‚diese Tagebücher, geschrieben von deiner Freundin‘, haben wir eine kleine Pause vorgeschlagen, bevor der Verleger ‚deiner Freundin‘ sagt. Dann hat man das Gefühl, dass es ihm schwerfällt, das zu sagen. In dieser Pause kann man dann alles hineinlegen. Das kann sein, ja, sie ist ja tot, und das ist schrecklich, oder diese unnatürliche Liebe, wie soll man das nennen? Es soll auch nicht zu deutlich sein. Es soll nicht zu viel Information sein. Es soll gerade genug sein. GK
  • Das Beste, was ich geschrieben habe, oder das Erfolgreichste, wenn man das selbst sagen darf, sind Dinge, die spontan entstanden sind. Das ist auch etwas, das meiner Meinung nach gute Musik haben sollte, etwas Unerklärliches. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass viel Kunst, auch Theater, so konstruiert ist. Aber wo ist das Herz und wo ist die Inspiration? Ich habe das Gefühl, dass es etwas geben muss, das man nicht erklären kann, das mit der eigenen Musikalität zu tun hat. GK

*

BRIEFE VON RUTH hat als norwegische Erstaufführung unter dem Titel RUTH MAIER am 24. April 2026 in Trondheim (Symfoniorkester & Opera) Premiere. Bisher wurde das Werk außer beim Musical Frühling Gmunden auch am Stadttheater Fürth und an der Kammeroper Wien aufgeführt. Musik und Bühne bietet außerdem das Musical FANNY UND ALEXANDER von Gisle Kverndokk und Øystein Wiik an, das 2022 am Landestheater Linz uraufgeführt wurde und zur deutschen Erstaufführung frei ist. 

Der Text von Bodil Maroni Jensen erschien erstmals am 21. April 2023 beim Onlinemagazin Ballade (www.ballade.no). Wir danken der Autorin und der Redaktion für ihre Genehmigung zur gekürzten Veröffentlichung.


Archiv

IN AKTUELLES SUCHEN