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Neuanfang am Broadway: Kurt Weills amerikanische Musicals

Kurt Weill kennt man hierzulande vor allem für seine Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht. Seine Broadway-Musicals stehen seinen früheren Werken künstlerisch in nichts nach – im Gegenteil. Wir stellen fünf seiner amerikanischen Werke vor.

EIN HAUCH VON VENUS in Flensburg (Fotos: Theater/Henrik Matzen)

LADY IN THE DARK in Wien (Fotos: Volksoper/Barbara Palffy)

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Für Ungeduldige direkt zu den Stückinfos:

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Im März 1933 verließ der jüdische Komponist Kurt Weill (1900–1950) Deutschland. Obwohl er einer der großen Musik- und Theaterstars der Weimarer Republik war, gab es für seine Werke unter der nationalsozialistischen Diktatur keine Aufführungsmöglichkeiten mehr. Nach einem längeren Aufenthalt in Paris erreichten Weill und seine Frau Lotte Lenya am 10. September 1935 New York. Amerika wurde für die beiden eine zweite Heimat – und ermöglichte Weill eine zweite künstlerische Karriere.

Bemerkenswert ist, wie schnell Weill seinen Stil einer neuen Umgebung anpassen konnte. Startete der Busoni-Schüler zunächst als Komponist im Geist der Jungen Klassizität, entwickelte er zusammen mit Bertolt Brecht seinen berühmten Songstil, der bis heute ein musikalisches Synonym für das Berlin der Zwanziger ist. In New York setzte er sich intensiv mit der amerikanischen Populärmusik auseinander und schuf eine Reihe erfolgreicher Musicals, die zu wichtigen Impulsgebern in der Geschichte des Broadways zählen.

KNICKERBOCKER HOLIDAY: Eine Liebeserklärung an New York

Für seine Musical Comedy KNICKERBOCKER HOLIDAY (1938) wählte Weill ein Thema, das amerikanischer nicht hätte sein können: die Zeit der niederländischen Herrschaft über New York unter dem legendären Gouverneur Peter Stuyvesant. Die Vorlage von Washington Irving verbindet einen satirischen Blick auf die amerikanische Geschichte mit einer emotionalen Handlung, für die Weill Hits wie den „September Song“ verfasst hat.

Weills Partitur strotzt nur so vor schmissigen Melodien im besten Broadway-Tonfall, während Maxwell Anderson in seinem Buch und den Liedtexten Irvings pointierten Humor perfekt einfängt. Zu den komödiantischen Höhepunkten von KNICKERBOCKER HOLIDAY zählt der Song „How Can You Tell An American?“, in dem die Autoren bissig darüber reflektieren, was eigentlich einen Amerikaner ausmacht – eine Frage, die auch für Weill persönlich zentral war.

ONE TOUCH OF VENUS: Vom antiken Sagenstoff zum Großstadtmärchen

Ein New Yorker Setting besitzt auch Weills EIN HAUCH VON VENUS, das seit 2019 in einer neuen deutschen Übersetzung von Roman Hinze vorliegt. Die warmherzige Geschichte handelt vom Friseur Rodney, der mit einem für seine Freundin Gloria bestimmten Verlobungsring aus Versehen eine Venusstatue zum Leben erweckt – und so eine Kette herrlich komischer Verwechslungen auslöst.

„I’m a Stranger Here Myself“ und „Speak Low“ sind nur zwei der bekannten Songs, die Weill für die urbane Liebeskomödie komponierte. Die letzte Produktion von ONE TOUCH OF VENUS in Flensburg bezeichnet Philip M. Pankow in Musical Today als „luzides Spiel mit Formen und Erwartungen“. Die „Götterkomödie der Gefühle“ sei, so Pankow weiter, ein „mit antiker Chuzpe garniertes Großstadtmärchen“, das einen „Reigen aus Verwechslungen, moralischem Aufruhr und liebestollen Gesängen“ darstelle.

LADY IN THE DARK: Psychoanalyse in Musicalform

Ganz andere und formal äußerst ungewöhnliche Wege ging Weill im Musical LADY IN THE DARK, das er 1941 zusammen mit Moss Hart und Ira Gershwin verfasste: Während das Leben der Protagonistin Liza Elliott, einer erfolgreichen Karrierefrau, ausschließlich in Dialogszenen präsentiert wird, beschränken sich die musikalischen Nummern auf drei ausgedehnte Traumsequenzen, in denen die Hoffnungen und Ängste der Protagonistin porträtiert werden.

Weill und seine Librettisten griffen in diesem Stück das im New York der Vierziger populäre Modethema der Psychoanalyse auf, das auch 85 Jahre später nichts von seiner Aktualität verloren hat: Burnout, die Herausforderungen erfolgreicher Frauen im Berufsalltag sowie unterdrückte Ängste sind nur einige der Themen, die in LADY IN THE DARK verhandelt werden. Die wohl bekannteste Nummer des Musicals ist der Song „My Ship“, durch den sich die Protagonistin im Finale ihren Kindheitstraumata stellt.

LOVE LIFE: Amerika im Zeitraffer

Weills Vorliebe für experimentelle Formen zeigt sich auch in dem mit Alan Jay Lerner (BRIGADOON, CAMELOT) zusammen verfassten Musical LOVE LIFE. Die Hauptfiguren Susan und Sam Cooper und ihre Kinder wandeln in diesem Stück als nie alternde Familie durch die Geschichte. Dabei vermischen sich quasi realistische Spielszenen und Vaudeville-Episoden, mit denen zentrale Stationen der amerikanischen Geschichte von der Gründung der USA bis zur Entstehungszeit des Werkes durchschritten werden.

Die ungewöhnliche Form des Musicals, die 1948 revolutionär war und die Konzeptmusicals der Siebziger eindrucksvoll antizipiert, sorgte für vergleichsweise wenige Aufführungen – ein Trend, der sich erst in den letzten Jahren umkehrt. In Freiburg feierte LOVE LIFE 2017 seine deutschsprachige Erstaufführung und begeisterte die Kritiker durch seine „Vielfalt musikalischer Stile und Ausdrucksweisen“, wie es in der NMZ heißt. Seit 2025 ist das Werk erstmals vollständig als Einspielung verfügbar.

THE FIREBRAND OF FLORENCE: Eine Broadway-Operette

Einen gänzlich anderen musikalischen Duktus besitzt THE FIREBRAND OF FLORENCE, in der der Renaissance-Bildhauer Benvenuto Cellini zum unerwarteten Operettenheld wird. Weills nostalgisch angehauchte Partitur (Liedtexte: Ira Gershwin) ist voller eingängiger Melodien – der Song „Life, Love, and Laughter“ bringt den Geist des Werkes dabei bestens auf den Punkt.

Ute Grundmann bezeichnet die Musik in ihrer Rezension zur europäischen szenischen Erstaufführung 2013 an der Staatsoperette Dresden als „reizvoll“. Sie führt aus: „Da mischt Weill in der langen Anfangsszene Chor, Duette und Soli sehr wirkungsvoll durcheinander, erklingen gefällige Liebes-Duette neben breit gemalter Filmmusik, wechseln schroffe Bläserakzente mit hellen, rhythmischen Swingklängen“.

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Text: Dr. Patrick Mertens


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